Schwangerschaft und Sport – Radfans in Umständen

Ein sportlicher Lebenswandel ist gesund, und laut Meinung vieler Ärzte gilt diese Weisheit auch für die Zeit vor der Geburt. Mütter, die sich während der Schwangerschaft ausreichend und regelmässig bewegen, erleben in der Regel leichtere Geburten, so heisst es. Die Frage ist nur, ob dies auch Radeln und Mountainbiking mit einschliesst. Meine Freunde Tina und Bernd, beide passionierte Mountainbiker, bekamen kürzlich Nachwuchs und sammelten zu diesem Thema ausgiebig Erfahrungen.

Darf frau während der Schwangerschaft Radeln oder gar Mountainbiken? Die geliebte Sucht nach dem Zweirad (“Hobby” ist im Falle vieler mir bekannter Mountainbiker/Innen eher untertrieben) für mehrere Monate komplett an den Nagel zu hängen, ist für viele unvorstellbar, zumindest auf den ersten Blick. Zwingend notwendig ist dies jedoch nicht – sofern einige Regeln befolgt werden. Das Wichtigste vorweg: Für alles Folgende gilt, dass nichts von dem hier Gesagten die Anweisungen des für die Schwangerschaft zuständigen Arztes ersetzt oder diesen auch nur nahekommt. Das letzte Wort hat der Arzt – er allein entscheidet, was geht und was nicht. Ausserdem sollte bei aller Liebe zum MTB während der ärztlichen Beratung Begriff “Mountainbiking” weder unterschlagen noch durch “Radeln” ersetzt werden, damit der Arzt genau weiß um was es geht und Mißverständnisse ausgeschlossen sind.

Grundsätzlich gilt, dass Frauen, die schon vor der Schwangerschaft regelmässig einer sportlichen Betätigungen nachgingen, diese während der Schwangerschaft fortsetzen dürfen – natürlich in gemässigter Form. Schwimmen gilt in diesem Fall als geradezu perfekt, da das Wasser den Körper trägt. Aber auch andere Konditionssportarten wie Wandern oder Laufen gelten als geeignet – Radfahren mit eingeschlossen. Genauso leicht einzusehen ist, dass selbst bei normalem Radeln im Vergleich zum Wandern ein höheres Risiko mit im Spiel ist – etwa durch eigene Fehler, Fehler anderer Radler, Pannen oder einfach nur Zufall. Die Entscheidung, sich für die Dauer der Schwangerschaft nicht doch lieber aufs Schwimmen zu verlegen liegt bei jedem und jeder selbst – und einig sein sollten sich die werdenden Eltern dabei natürlich auch. Genauso klar sollte sein, dass relaxtes Cruisen angemessener ist als fetzige Single Trails mit Wurzeln und Steinen – wo der Spass aufhört, darüber entscheiden Erfahrung, Intuition und eine gute Kenntniss des eigenen Körpers.

Im Fall von Bernd und Tina, ihres Zeichens beide MTB Lehrer – sie sogar professionell – waren neun Monate ganz ohne MTB schlicht undenkbar. Im Vordergrund stand dabei weder sportlicher Ehrgeiz noch die Sorge um eine irgendwann anstehende Bauchstraffung, sondern schlicht und einfach der Spass am MTB und die pure Macht der Gewohnheit. Auf Anraten des Arztes liessen sie in den ersten drei Monaten besondere Vorsicht walten, da in dieser Phase das Risiko einer Fehlgeburt am höher ist. Danach wurde die Sache Tina selbst und ihrem Spaßbarometer überlassen. Tabu für Schwangere sind Höhenlagen über 2000 Metern, starke Erschöpfung muss streng vermieden werden, und der Puls sollte 130 nicht überschreiten. Erfahrene und gut durchtrainierte Sportlerinnen wie Tina fahren noch bis zum 5. Monat ebene Singletrails und bis 7. Monat leichte Bergstrecken in Höhen unter 1800 Meter, geeigneterweise auf einem Fully mit extrabreitem Sattel. Ab dem 7. Monat, wenn der Hormonhaushalt den Spassfaktor senkt, fahren viele noch eine Weile Entspannungsstrecken mit dem Beachcruiser.

Nebenbei entdeckten Bernd und Tina, dass trotz Globalisation und Fortschritt allem Anschein nach weder die westliche noch irgendeine andere Zivilisation fahrradgerechte Umstandsmode hervorgebracht haben. Die beste Lösungen ist laut Tina Freeride- Kleidung in Herrengrössen, zur Not auch ein angepasster Overall. Auch nach der Ankunft des Nachwuchses stehen bei Bernd & Tina die Zeichen auch weiterhin auf Zweirad. Von mir bekam die frischgebackene Family ein Schaukelmotorrad und einen silbergrauen Schnuller mit Namen. Sich selbst gönnten sie einen “Weismann Singletrailer” Bikeanhänger – der ist zwar nicht gerade billig (>2000 Euro), dafür aber professionell gefedert (20 cm), nur geringfügig breiter als ein Bike und gut geeignet als offroad-tauglicher MTB Kinderwagen.

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